Ballon

Ballon
www.studiocanal.de/kino/ballon

ab 27. September 2018 im Kino

Regie: Michael Bully Herbig

Friedrich Mücke – Peter Strelzyk
Karoline Schuch – Doris Strelzyk
David Kross – Günter Wetzel
Alicia von Rittberg – Petra Wetzel
Thomas Kretschmann – Oberstleutnant Seidel

 

Sommer 1979 in Thüringen. Die Familien Strelzyk und Wetzel haben über zwei Jahre hinweg einen waghalsigen Plan geschmiedet: Sie wollen mit einem selbst gebauten Heißluftballon aus der DDR fliehen. Doch der Ballon stürzt kurz vor der westdeutschen Grenze ab. Die Stasi findet Spuren des Fluchtversuchs und nimmt sofort die Ermittlungen auf, während die beiden Familien sich gezwungen sehen, unter großem Zeitdruck einen neuen Flucht-Ballon zu bauen. Mit jedem Tag ist ihnen die Stasi dichter auf den Fersen – ein nervenaufreibender Wettlauf gegen die Zeit beginnt… (Pressetext)

Der Ballon wird ausgerollt.

Herbig macht ernst. Geht das überhaupt? Und wenn ja, was wird das für ein Ergebnis? Da ich, um unbefangen zu sein, vollkommen unvorbereitet in den Film gegangen bin, waren das die Fragen, die mir noch bevor das Licht ausging, durch den Kopf geschossen sind.

Schon mit der Anfangssequenz wurde mir aber klar, dass es ernst wird. Ein DDRler wird beim Versuch über die innerdeutsche Grenze zu fliehen erschossen.

Ab da beginnt erstmal ein DDR Alltag wie ich ihn auch noch kenne.
Realistisch – nicht mit arroganten Westaugen,
nicht so bunt wie der Ku’damm, aber auch nicht grau in grau, wie es in der Vorstellung von Alt-Bundesdeutschen „bei uns“ aussah.
Also normal und alltäglich. Doch sofort legt sich ein subversiver Unterton zwischen die Bilder. Alle machen mit, aber nur wenige sind wirklich dabei.
Die Protagonisten natürlich nicht – sie wollen mit einem genialen Plan in den Westen abhauen.Aber wird das gelingen? Wenn ja wie? Hat sich Herbig Freiheiten herausgenommen oder bleibt er nah an der echten Geschichte?

Für mein Empfinden werden Details der DDR gezeigt, die einen alten Ossi erkennen lassen, dass sich die Macher intensiv mit der Materie beschäftigt haben.
Dabei wird das staatliche System zwar in fast jeder Szene direkt oder indirekt kritisiert, aber nicht die Menschen die sich in diesem System arrangieren mussten, herabgewürdigt. Selbst der Antagonist, der ein wirklich harter Hund ist, wirkt glaubwürdig

Die Kombination aus Wagemut und Verzweiflung, die die potentiellen Flüchtlinge angetrieben hat, kommt sehr gut rüber. Auch die heutzutage kaum noch vorstellbaren Hürden, die es zu überwinden galt – wo kommt der Stoff für den Ballon her, wie schüttelt man die omnipräsente Stasi ab? – werden mit der Brisanz, die sie damals wahrscheinlich genau so hatten, gezeigt

Genau hier liegt ein kleines Problem des Films – die gefühlte Glaubwürdigkeit. Welcher „Wessi“ oder nach 1989 geborene kann diese Problematiken überhaupt noch verstehen und geht dafür dann ins Kino?
Die Zielgruppe ist deshalb möglicherweise kleiner, als sie sein sollte, denn der Film ist für jeden geeignet.
Selten habe ich einen deutschen Film gesehen, der so spannend ein komplett deutsches Thema erzählt und dabei doch im besten Sinn so hollywoodartig ist.

Und auch wenn die wahren Ereignisse für „Ballon“ noch einmal dramatisiert wurden und sich auf die potentielle Flucht konzentriert wurde, entsteht bei mir nicht der Eindruck, dass etwas fehlt.

Dafür sorgt nicht nur die Umsetzung des Stoffs, sondern auch die Schauspieler und die von ihnen dargestellten Charaktere.  Ich hätte z.B. schwören können, Oberstleutnant Seidel wäre früher irgendein Nachbar von mir gewesen. Aussehen, Sprache, Habitus, alles war passend wie damals.

So ist mein Fazit: Egal ob Ossi oder Wessi, Jung oder Alt: Ansehen! Herr Herbig hat mit diesem Film bewiesen, dass er nicht nur platte Gags draufhat, sondern auch differenziert und spannend ernste Themen umsetzen kann.

© Johann Hoffmann, Bilder Studiocanal

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